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Was ist Familienstellen?

Auszug aus meinem Buch: Das Seelenrad des Lebens

4.1.3. Das Familiensystem

Für die Aufstellungen ist das Familiensystem von besonderem Interesse. Jedes Familienmitglied ist Teil des Systems. Dazu gehören die Kinder, die Geschwister, die Eltern, deren Geschwister, die vorherigen Partner der Eltern, die Großeltern, deren Geschwister und die Urgroßeltern. Zwar gehören alle Ahnen zum System, in der Regel reichen jedoch die Genannten meist aus. Manchmal gehören außerdem noch sogenannte gute, geistige, spirituelle Freunde der Familie zum System. Sie alle sind Individuen, bilden diese Gemeinschaft und keiner kann durch einen anderen ersetzt werden. Sie machen ihre eigenen Erfahrungen, haben ihren eigenen Weg, und haben Gefühle, die auf andere wirken.

Soziale Systeme funktionieren nach bestimmten Gesetzen. Die Aufmerksamkeit liegt  schwerpunktmäßig darauf, wer dazugehört, in welcher Ordnung die einzelnen Mitglieder zueinander stehen und ob es eine ausgleichende Bewegung beim Austausch von Energien gibt. Werden diese Gesetze nicht beachtet, entsteht ein Ungleichgewicht, das sich auf die Individuen auswirkt. Es kommt zu Reaktionen der Einzelnen in deren Lebensgestaltung. Die Zugehörigkeit entsteht durch Geburt ohne aktives Tun. Sie ist gegeben ohne Unterscheidung von Gut und Böse. Obwohl die Zugehörigkeit eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, kann es zum Ausschluss oder zum Verweigern der Zugehörigkeit kommen: Stirbt z.B. jemand früh und können die damit  verbundenen Gefühle nicht ertragen werden, dann erscheint es leichter ihn zu vergessen oder die Gefühle zu verdrängen.

Löst das Verhalten einer Person Angst aus, weil sie kriminell war oder behindert oder im Zusammenhang mit Ereignissen im Krieg oder KZ steht, dann entlastet es scheinbar, die Existenz der Person und deren Schicksal zu verdrängen. Werden Personen, die einmal als frühere Partner z.B. zum System gehörten, vergessen oder ihnen die Anerkennung verweigert, dann mag das zwar für die Betroffenen leichter sein, für das System entsteht an dieser Stelle ein Loch. Werden Angehörige des Systems aufgrund ihres Entwicklungsweges (Homosexualität, Spieler, Glauben, Auswanderer) verachtet und ausgeschlossen, so spielen hier die Werte und Moral des Systems eine große Rolle. Gesehen wird dabei nicht die Verstrickung dieser Personen und die Verbundenheit, der sie folgen müssen.

Die Zugehörigkeit ist durch Geburt  gegeben und bleibt, egal in welche Richtung sich ein Individuum  entwickelt. So sind entlastende Gedanken und Bewegungen immer in Verbindung mit diesem Fakt zu sehen. Jeder gehört dazu. Etwas schwieriger wird die Anerkennung der Zugehörigkeit, wenn es sich um Täter-Opfer-Themen handelt. Aus den vielen Aufstellungen, die inzwischen geschehen sind, wurde sichtbar,  dass das System der Opfer den Täter als zugehörig betrachten muss, um in Ruhe und Frieden zu kommen. Durch die Tat ist der Täter ein Teil des Familiensystems geworden. Die Betrachtung einer Täter-Opfer-Situation regt  normalerweise Gedanken an, die mit Schuld und Sühne zu tun haben. Oft wird in der Opfer-Stellvertreterrolle gesagt: „Wenn der andere nicht geschossen hätte, hätte ich es getan.“ Ist es möglich, sich auf eine andere Ebene zu begeben, in der erkannt werden kann, dass in jedem Opfer ein Täter ist, in jedem Täter ein Opfer, dann kann eine veränderte Sicht eintreten. Täter und Opfer sind Mensch mit Licht- und Schattenseite. Für unmittelbar Betroffene meist nicht möglich, aber für die Nachkommen aufgrund einer distanzierten Sicht, zeigen Aufstellungen, dass aus dieser Haltung heraus Ruhe und Frieden im System einkehren können.

Die Ordnung ist definiert durch den Zeitpunkt der Geburt. Damit gehört eine Person zu einer bestimmten Generation. Es gibt Personen, die schon vorher da waren und es wird – sehr wahrscheinlich – welche geben, die nachher kommen. Damit ergeben sich Gesetzmäßigkeiten und Hierarchien: Die Eltern und Großeltern haben Vorrang, das erste Kind hat Vorrang, der Liebes- oder Ehepartner hat Vorrang. Werden diese Gesetze nicht beachtet und z.B. die Geschwisterreihe „falsch“ gezählt, weil z.B. ein früh verstorbenes oder abgetriebenes  Kind nicht mitgezählt wird und kommt ein Kind in die Position eines älteren Geschwisters, dann hat das meist unangenehme Auswirkungen auf dessen Leben. Auf dieser Ebene geht es also darum, die Ordnungen wieder herzustellen. In den Aufstellungen ist zu beobachten, welch heilende Wirkung allein Veränderungen auf dieser Ebene haben.

Der Ausgleich von Geben und Nehmen geschieht durch Handlungen, durch Zuneigung und Sympathie und z.B. auch durch Geschenke. Dies gilt insbesondere auf der Beziehungsebene zwischen Paaren und Freunden, aber auch im Berufsleben. Wird diese Gesetzmäßigkeit des Ausgleichs von Geben und Nehmen nicht beachtet, führt das zum Scheitern der Beziehung. Dabei geht es um den Ausgleich im Guten und im Bösen. Wer im Guten mehr gibt, fühlt sich überlegen, aber wird auch böse, weil er nicht genügend zurückbekommt. Wer vom Guten zu viel bekommen hat, fühlt sich unwohl, wenn er das Ungleichgewicht nicht mehr ausgleichen kann. Wer dem anderen etwas angetan hat, müsste etwas tun, was den anderen versöhnen kann. Eine andere Möglichkeit wäre, mit etwas ähnlich Bösem zu antworten, aber ein bißchen weniger, damit der Fortbestand der Beziehung eine Chance hat.

Bert Hellinger hat einmal gesagt: Vom Guten immer ein bisschen mehr, vom Bösen immer ein bisschen weniger, dann kann die Liebe wachsen.In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann diese Art von Ausgleich nicht stattfinden. Hier gibt es nur den Dank für all die Geschenke, die Kinder von den Eltern bekommen haben. Der Dank zeigt sich auch darin, selbst Kinder zu bekommen und damit das weiterzugeben, was sie einst bekommen haben: das Leben. Er zeigt sich auch, indem Kinder sich im Alter um ihre Eltern kümmern. Dies sollte aber nur auf einer körperlichen, organisatorischen Ebene geschehen. Rutschen Kinder dabei auf der Seelenebene in die Rolle, Eltern der Eltern zu sein, macht sie das groß, steht aber dem Weg ins eigene Leben entgegen.

Oft kommt es genau an dieser Stelle aus einer falsch verstandenen Form von Liebe und der Unfähigkeit, Achtung und Dank zu spüren und auszudrücken, zu großen Ungleichgewichten. Statt zu danken, geraten die Kinder in die Rolle von Gefühlsträgern, Schuldübernehmern, Stellvertretern von Fehlenden oder Schicksalswiederholern. Sie geraten in Rollen, mit denen sie restlos überfordert sind und wenig Chance für Eigenes haben. So wäre es auf dieser Ebene von Bedeutung, die oft sehr subtilen Engagements für das Familiensystem zu erkennen und die Verantwortung bei denen zu belassen, zu denen sie gehört. Auch wenn es schwer fällt angesichts der körperlichen Gebrechlichkeit von alten Menschen würde das bedeuten: eigene und fremde Gefühle zu trennen und die fremden zurückzulassen, Schuld in der Verantwortung der Betroffenen zu belassen, die Fehlenden in einem inneren Bild zu integrieren, die Schicksale der Vorherigen zu würdigen  und zu erkennen, dass die Wiederholung von Schicksal und Leid niemandem hilft.

Die Schritte aus diesen Verwicklungen  heraus brauchen unbedingt das Wissen, dass der Weg hinein aus tiefer Liebe und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit geschehen ist. Gerade wenn auf der realen Ebene die Liebesenergien spärlich oder gar nicht geflossen sind, wirken die Verstrickungen besonders stark, vielleicht, um auf diese Weise doch noch zu dem zu kommen, was ein Leben lang nicht passiert ist. So bedarf es der Erkenntnis und Anerkennung, das es so und nicht anders sein musste um trotzdem dankbar sein zu können - für das Geschenk des Lebens und es als ausreichend zu betrachten. Die Blickrichtung zu ändern – die Liebe zu sich und seinem eigenen Weg zu entdecken und zu entwickeln -  setzt einen Prozess in Gang, den die Ahnen für die Nachkommen  wünschen.